Jeder, der dich ärgert,
besiegt dich.

Charles Klein


 

 


PFOTEN FÜR DIE SEELE
Tierunterstützte Logotherapie bei Wahrnehmungsstörungen

Das, was sich aus Erfahrung bewährt hat, legt fest, wohin es geht, egal ob uns das gefällt oder nicht, und ob das mit unserer gegenwärtigen Vorstellung von der Freiheit menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns vereinbar ist oder nicht.
(Gerald Hüther)

Heute haben wir viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse, wie unkontrollierte Stresssituationen uns tagelang als ungutes Gefühl im Bauch liegen, wie Angst, auf einer somatischen Grundlage unser Leben determinieren kann.
Viktor E.  Frankl vertraute seinem psychiatrischen Credo, dass die geistige Dimension niemals erkranken kann, höchstens vernebelt ist, Er spürte, dass sein psychotherapeutischen Credo, dass der Mensch zur somatischen Ausgangslage und zur psychischen Situation Stellung beziehen kann, immer Gültigkeit besitzt. Auch bei Kindern, die an einer Wahrnehmungsstörung leiden.
André ist 7 Jahre alt, er besuchte einen Integrationskindergarten, Herbst 2013 beginnt er in einer Inklusionsklasse mit der Volksschule. Manche Alltagsbedingungen stellen ein großes Hindernis für ihn dar. Die steile Schotterstraße - dafür brauchte es liebevolle, sicherheitgebende  Unterstützung – die Hand der Mutter. Um André für den Schulbeginn mehr mit seiner unglaublichen Einzigartigkeit, mit seinem großartigen Wesen in Verbindung zu bringen,  ihm vermehrt  einen Zugang zu seinen Selbstheilungskräften erspüren zu lassen, entstand die Idee zur Hundetherapie.
Neurobiologisch ausgedrückt heißt das Therapieziel: durch sein Erfahren von kontrollierbaren Stressreaktionen wird das große noradrenergene Leitsystem aktiviert, wodurch selbst anfangs schwierige, angstbesetzte Handlungen dann mühelos vollzogen werden können.

Montag, 22. Juli 2013  - Andrés Mutter schreibt nach dem ersten Treffen mit den Hunden: BESUCH VON STEP UND BUBERLE - ZWEI KLEINE, GANZ GROSSE HUNDE
Am Nachmittag kamen uns 2 süße Zwergpinscher besuchen. Ich war selbst sehr neugierig und freute mich sehr auf das Treffen, da ich selbst mit Hunden (Pekinesen/Zwergspitz) aufgewachsen bin und deshalb umso mehr sehen wollte, wie mein Sohn darauf reagiert. Dass Hunde lieb und nett sind, das weiß man ja, aber gibt’s da noch mehr? Ja das gibt`s! Unser Treffen verlief so: Wir gingen zum Auto von Margit Spörr vor unserer Wohnanlage und holten sie und die Hunde dort ab. Buberle ist sehr temperamentvoll und verspielt, sprang André zur Begrüßung gleich an. André erschrak erstmals, Step ist hingegen eher ruhig und verschmust, eine tolle Mischung, die zwei. Wir gingen in unsere Wohnung und dann auf die Terrasse, wo André ihnen schon Wasser zum Trinken hingestellt hat(ohne Aufforderung, ganz von allein). Dort saßen wir dann alle vier am Boden und es fand das Kennenlernen- schnüffeln statt, André gab Step sogar ein Küsschen auf den Rücken. Margit erklärte sehr liebevoll und ruhig, dass er den Hunden Kommandos geben kann/darf. Es war schön zum Ansehen, wie es ihm Freude machte, dass er mal der Große ist, der  Befehle gibt und die befolgt werden, das gibt ihm Sicherheit und Stärke. Ich fand, er sah die Hunde mit Margit gleich als Freunde an, denn er wollte Ihnen gleich auch sein Zimmer und die Spielsachen zeigen. Die Hunde fühlten sich bei uns gleich wie Zuhause, denn sie flitzten, wie zwei Wirbelwinde, durch die Gegend. Nach einer Zeit gingen wir dann in den angrenzenden Wald mit Spielplatz. André ging mit Step, wie selbstverständlich und voller Stolz an der Leine. Als wir dann zum abschüssigen Schotterweg kamen, da dachte ich mir, bin ja gespannt, wie er mit Step da runter kommen will, denn er brauchte ja mich immer als Hilfe und Stütze dazu.
Da kam ich dann das erste Mal zum Staunen, als er ohne meine Hilfe und Unterstützung mit Step an der Leine sicher runterspazierte.  Das hatte er an dieser Stelle noch nie gemacht. Step hat ihm so viel Sicherheit gegeben und ihm von seiner Unsicherheit abgelenkt, dass er total vergessen hatte, nach mir zu fragen. Ich denke mir er hat ihm das Gefühl gegeben, ein Team zu sein. Am Spielplatz angekommen erwartete ich schon das nächste Problem. Denn André wollte in den Bach hineinsteigen und ich hatte seine Gummistiefel/Croccs nicht mitgenommen. Da kam ich dann  das  zweite Mal zum Staunen, als er nur mit seinen Socken in den Bach stieg, auf den spitzen Steinen und dem unebenen Untergrund rauf und runter ging und dabei völlig vergaß, dass er das auf keinen Fall normalerweise mag. Ich setzte mich dann auf einen Stein und sah ihnen zu und genoss den Moment, André so unbeschwert zu sehen.

Da beobachtete ich, wie er zu den anderen Kindern auf einmal frech wurde und sagte, dass das sein Spielplatz sei und sein Bach, das hatte er sich sonst noch nie so getraut. Aber mit Step so scheint es, fühlte er sich stark und groß. Nach einer Weile gingen wir wieder zurück, und als wir dann auf die Straße vor unserer Wohnung zugingen, dachte ich mir, bin jetzt neugierig, wie er mit Step an der Leine die Wohnstraße zu überqueren versucht. Ich bin es nämlich gewöhnt, durch sein Wahrnehmungsproblem, dass er auf den Straßenverkehr nicht achtet. Ich beobachtete ihn genau und staunte zum dritten Mal, als er Step erklärte, dass man immer zuerst  nach oben und unten schauen muss,  und dann erst über die Straße gehen darf. Ich habe André in diesen zwei Stunden viel sicherer und unbeschwerter erlebt. Ich möchte mich für diese wertvollen Momente herzlich bedanken.

Die Basissinne zeigen auf, wo ein Mensch über – oder unterempfindlich reagiert, wo sich die Person qualitativ in ihrer Entwicklung befindet.

Etwas, was man nicht kann, kann man nicht üben – d. h. in den verschiedenen Entwicklungsstufen müssen ausreichende Vorbedingungen erarbeitet werden. Werden Entwicklungsstufen übersprungen, bilden sich „Löcher“, diese sind kein gutes Sprungbrett für das spätere schulische Lernen.
Jean Ayres sagt, dass die Therapie immer dann am wirksamsten ist, wenn das Kind seine Handlungen selbstbestimmt, während die TherapeutInnen unaufdringlich die Umgebung des Kindes lenken.  Frankl forderte die Rehumanisierung der Medizin, in seiner hervorragenden Dimensionalontologie warnte er, den Menschen, um die Dimension des spezifisch Humanen zu reduzieren, nur in die Ebene der Biologie und der Psychologie zu projizieren, nur die Wahrnehmungsstörung zu sehen. Das klassische „Beturnen“ und viele Vorsorgeuntersuchungen, die mehr nach der Quantität (was das Kind kann) sehen, weniger auf die hohe, schon vorhandene Qualität/Einzigartigkeit  (wie ein Kind etwas bewältigt), seine Unverwechselbarkeit  achten, die reduzieren das Kind. Es leidet seine unverlierbare Würde. Kein Mensch hat einen Nutzwert, wie Frankl  ganz klar betonte.  Würde-blind muss jede Behandlung sein, sobald sie die Person zur Sache macht (Frankl).
Diese Formen der Kommunikationsstörung erleben wir in allen Lebensbereichen. Wollen wir uns einen kleinen Leberfleck auf dem Rücken von der Hautärztin operativ entfernen lassen, findet der Dialog zwischen Ärztin und Assistentin „über“ meinen Rücken statt. Die eigene Wertigkeit als lebendiges Wesen wird gar nicht wahrgenommen.
Auch nützt es wenig einem Zappelphilipp unter Strafandrohung zum Stillsitzen zu zwingen. Aus Angst kann er seinen Bewegungsdrang dann vielleicht schon unter Kontrolle bekommen, aber dann bleibt keine Energie mehr für die Konzentration  - seine gesamten Kräfte werden für das Stillsitzen vergeudet. Einen Lösungsweg, den das Kind selber entwickelt hat, hat es begriffen.

Lernen kann man nur selber und ist das Gegenteil von belehrt werden!  (Reinhard Kahl)

Henning Köhler plädiert für den „werterkennenden Blick“: „Der bewertende, abschätzende Blick wirkt immer kränkend, auch wenn er zu positiven Ergebnissen führt, denn er degradiert den Menschen zum Objekt einer Qualitätsprüfung, reduziert ihn auf ein zu begutachtendes (totes) Abbild seiner selbst, lässt ihn mitten im Leben  zur Pose erstarren und ist somit seinem Wesen nach der beziehunsverhindernde oder beziehungsbeendende Blick. Also fügt er Schmerz zu, einen mit der Beschämung verwandten Schmerz, und löst Reaktionen der Beschämungsschmerzabwehr aus.“
Es braucht Mut und Geduld von uns Erwachsenen, Kinder auf ihrem Lebensweg, ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Wir sollten Fehler als Lernverbündete, als Lerngeschenke, sehen – sie halten uns wach, regen uns zu neuen Lösungsversuchen an. Steh-auf-Männchen-Qualitäten zu entwickeln, ist für ein sinnerfülltes Leben unumgänglich.

„Die herkömmliche Misstrauenspädagogik ist verdummend, weil sie die Kinder daran hindert, den eigenen Wahrnehmungen zu trauen. Wer sich selbst misstraut, dem wird sogar das schwer und anstrengend, was leicht sein könnte.“ (Reinhard Kahl in seinem Film „Lob des Fehlers“)

Wie heißt dieses Gefühl, das so stark ist, dass es die Angst besiegt, das so stark werden kann, dass es Menschen sogar die größte Angst…. Wie ahnen wir dieses Gefühl heißen könnte, das die Angst besiegt. Es ist die LIEBE.
(Gerald Hüther)

Viktor E. Frankl  hatte erkannt, dass in der Selbsttranszendenz genau diese Phänomene ganz automatisch zum Tragen kommen. André vergaß völlig in seiner BeGEISTerung für Step und Buberle, dass er doch die steile Schotterstraße nicht alleine hinuntergehen konnte. Er brauchte selbst beim ersten Treffen mit den wahren Therapeuten , den Hunden, keine vertraute Person, die die übliche Sicherheit geben musste. In seiner überschäumenden Freude mit den Hunden  hatte er ganz automatisch mit seiner unzerstörbaren, intrinsischen Sicherheit Kontakt – mit seinem Urvertrauen, mit seinem Geliebt- und Getragen-Sein in dieser Welt.

Da André nicht mehr durch die Macht der somatischen und der psychischen Dimension determiniert war – in seiner völligen Selbsttranszendenz, seiner Hingabe an Step, die er an der Leine führte – hatte seine psychische Speicherung “dass er die steile Straße natürlich nicht alleine bewältigen kann” keine Chance mehr.

“Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand,…, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung”  -  André, er war hellwach, er konnte sich voll auf Step und Buberle einlassen – die Macht der Auschließlichkeit hatte ihn ergriffen (Martin Buber).

Dr. Heidi Vonwald, Innsbruck
Leiterin von ABILE WEST, Lehrtherapeutin für Logotherapie und Existenzanalyse in Bozen, Chur, Donau-Universität Krems, Wien. Seit 25 Jahren in freier psychotherapeutischer Praxis.

LITERATUR
Fromm, E. (1979): Die Kunst des Liebens. Frankfurt a. M./Berlin/Wien
Hüther, G. (2012): Bilogoie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen, 11. Auflage
Köhler, H. (1997): “Schwierige” Kinder gibt es nicht. Stuttgart, 3. Aufl.
Treichler, M. (1993): Sprechstunde Psychotherapie. Krisen – Krankheiten an Leib und Seele. Wege zur Bewältigung. Stuttgart