Jeder, der dich ärgert,
besiegt dich.

Charles Klein


 

 


Klinische Diagnosen in der Adoleszenz werden immer wieder relativiert – Spontanheilung und Symptomwechsel sind gehäuft anzutreffen. „It is as you tell it. Es ist, wie Sie es sagen.“ (Heinz von Foerster). Wir wollen als professionelle HelferInnen weder stigmatisieren noch iatrogene Neurosen auslösen.

 

Aussage einer 17jährigen, suizidgefährdeten Patientin: „Ich bin eine Borderlinerin, deshalb habe ich die vielen Selbstmordversuche unternommen.“ Dies heisst wohl: Ich bin nicht verantwortlich, ich bin Opfer meiner Erkrankung/Diagnose/Kindheit.

 

In der Logotherapie und Existenzanalyse sehen wir die existentielle Bilanz

 

Nicht, was hat das Leben mir gegeben –

sondern wer BIN ich GEWORDEN“.

(Elisabeth Lukas)

 

Es kommt nicht darauf an, was die Kindheit aus uns gemacht hat,

sondern was machen wir aus dem, was sie aus uns gemacht hat.“

(Jean Paul Sartre)

 

Aber wir vergessen nicht, dass unverarbeitete Traumatisierungen über Generationen hinweg weitergegeben werden können. Beispiel der 15jährige Ali: Präsentiersymptom und Auslöser des Suizidversuches - er sprang aus dem 4. Stock des familiären Hotels, als sein Vater ihn gegen seinen Willen zwingen wollte, dass er an einer einwöchigen Schulveranstaltung teilnehmen muss. Ali war in der Klassengemeinschaft der Aussenseiter, als Gewalttäter auch bei den LehrerInnen nicht sehr beliebt. Er fühlte sich nur in der Nähe seiner Mutter sicher. Er litt sehr unter der emotionalen Unerreichbarkeit seiner Mutter, sie war stets überfordert, erschöpft und depressiv. Wie die Albträume von Ali aufzeigten, beschäftigte ihn massiv die traumatische Vergangenheit seiner Familie. Die Mutter war mit seiner Grossmutter im Jugoslawienkrieg geflüchtet, beide leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die zum damaligen Zeitpunkt, unbehandelt war, „da es anderen Personen noch viel schlimmer im Krieg erging“. Sie wollten nicht als verrückt gelten, da sie ohnehin schon unter unerklärlichen Angstsymptomen und unerwarteten Aggressionsausbrüchen litten. Die Information der Mutter über die Symptome einer PTBS machte die Öffnung für eine psychotherapeutische Behandlung - bei logotherapeutischen KollegInnen – möglich.

 

Kennzeichen psychosozialer Krisen beim jungen Menschen

Psychosoziale Krisen bei Jugendlichen verlaufen ähnlich wie beim erwachsenen Menschen, allerdings gibt es doch auch einige Besonderheiten (nach Gernot Sonneck):

  • In nahezu allen Krisen zeigen sich auch körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Magen- und Darmbeschwerden, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, oft als einziger Hinweis auf ein Krisenereignis.

  • Häufig beobachtbar sind Verhaltensänderungen: Veränderungen im Essverhalten (Appetitlosigkeit verbunden mit Gewichtsabnahme oder umgekehrt, Unmässigkeit beim Essen oft in Form von Attacken), Konzentrationsschwierigkeiten, Leistungsschwankungen oder gänzliches Leistungsversagen in Schule und Beruf, Abwendung von alten Freunden, Familie und Interessen, Abkapselung, Flucht in eine Traumwelt, Alkohol-, Drogen-, Medikamentenmissbrauch und dgl.

  • Regression in kindliche Verhaltensweisen, z.B. Fingerlutschen, Nägelbeissen.

 

Nicht bewältigte Krisen zeigen sich in verschiedenen Krankheitsbildern (z. B. Depression), Kurzschluss- und Aggressionshandlungen, z.B. Von-Zuhause-Weglaufen, Vandalismus, aber auch suizidale Handlungen.

 

Carina, 17 Jahre alt, hatte ihren Selbstmordversuch nur durch Zufall überlebt. Sie legte sich mit aufgeschnittenen Pulsadern auf die Gleise einer internationalen Zugstrecke. Was sie nicht wusste, es gab einen Schienenersatzverkehr, da die Strecke über den Arlberg immer noch gesperrt war, da die Aufräumungsarbeiten durch den nächtlichen Sturm noch nicht abgeschlossen waren. Ein Hund fand sie zur nächtlichen Stunde, der Hundebesitzer alarmierte die Rettung. Wohl: Zufall, der Ort, wo das Wunder nistet (Viktor E. Frankl). Durch ihre Melancholie konnte sie dem Leben schon lange nichts mehr abgewinnen. Als Carina in ihrer angestrebten Lehrstelle im Blumengeschäft nach der Probezeit nicht genommen wurde, da sie mit ihrer verträumten Art auch viel vergass, erschien ihr, dass der schon lang gehegte eventuelle „Ausweg“ durch sicheren Suizid (Überfahren durch den Zug), ihre Befreiung sein könnte; Endlich zur Ruhe kommen zu können.