Ein Leben, das sich verströmt, versiegt nie ganz.

Elisabeth Lukas




 

 


Wir müssen selber brennen, wenn wir andere entzünden wollen.

 

Jugendliche haben in der Regel feine Antennen für die Echtheit und Kontinuität des Beziehungsangebotes und testen Bezugspersonen gerne daraufhin aus. Noch stärker ausgeprägt in der Bedeutung als bei Erwachsenen sind Diskretion und Verschwiegenheit. Junge Menschen müssen sich sicher sein, dass das Besprochene nicht an Dritte weitergegeben wird. Wo dies aufgrund der Rahmenbedingungen nicht möglich ist, ist klar zu benennen, welche Informationen weitergegeben werden müssen und in welcher Form dies geschieht.

Die Einschätzung des Gefährdungspotenzials kann sich oft schwierig gestalten, da die Adoleszenz allgemein durch Stimmungsschwankungen, Grössenideen, den gelegentlichen Verlust des Bezugs zur Realität und die Neigung zur Schwarz-Weiss-Malerei gekennzeichnet ist (Berger, 1999). Daher sind indirekte Hinweise, wie symbolische (Zeichnungen) oder schriftliche Äusserungen in der Risikoabschätzung besonders zu beachten. Keinesfalls darf übersehen werden, dass Jugendliche dazu neigen, Situationen und Konflikte zu beschönigen oder zu dissimulieren.

Gerade bei Suizidgefahr von Jugendlichen ist ein klarer und ungeschönter Blick auf die Bilder und Perspektiven des Todes, angebracht. Denn Selbstmord löst nie ein Problem, er ist auf keinen Fall – wie Frankl betonte – eine Antwort auf irgendeine Frage.

Wir müssen ihm vor Augen führen, wie sehr er einem Schachspieler gleicht, der vor ein ihm allzu schwierig erscheinendes Schachproblem gestellt ist und – die Figuren vom Brett wirft.“

 

Immer wird dadurch nur das Unglück vergrössert, eventuell auf weitere Generationen das Problem ausgestreut.

 

Und so wie jener Schachspieler sich nicht an die Spielregeln hält, genau so verletzt ein Mensch, der den Freitod wählt, die Spielregeln des Lebens. Diese Spielregeln verlangen ja von uns nicht, dass wir um jeden Preis siegen, wohl aber, dass wir den Kampf niemals aufgeben.“

(Viktor E. Frankl)

 

Frankls Appell:

Ausserdem wer weiss, ob sich nicht schon Stunden nach einem Selbstmord,
das Problem gelöst hat?“

 

Auch lehnt er Selbstmord als „bewusst gebrachtes Opfer“ ab.

Für die Verhütung von Selbstmorden benennt Viktor E. Frankl besonders die Einstellungen:

  • Vom Seelischen her – Selbstmord-Prophylaxe – den jeweiligen seelischen Grund des Unglücklichseins aus der Welt schaffen und damit das Selbstmord motiv beseitigen.

  • Vom Geistigen her - Einstellungsmodulation – um nicht nur ohne das, was fehlt, weiter leben zu können, sondern daran wachsen zu können.

Orbach (1990) vertritt die Ansicht, dass es sinnvoll sei, durch ein offenes Gespräch die Todesfurcht zu erhöhen. Die Suizidgedanken werden als solche zwar akzeptiert und nicht verurteilt, aber die Realität und Irreversibilität des Todes sollte dem jungen Menschen bewusst gemacht werden, da

es den Todesmutigen, den Lebensfeigen (Frankl) niemals bewusst ist, dass sie dann wirklich tot sind – denn sie suchen nur die Ruhe und Geborgenheit, „dass es endlich zu Ende ist“.

Es gilt als gesichert, dass Suizide bei aufrechter, therapeutischer Beziehung sehr selten vorkommen. Die Möglichkeit einer offenen Aussprache und die Erfahrung, dass sich die PsychotherapeutInnen ehrlich kümmern und sorgen, lassen die Suizidalität zumeist deutlich abklingen. „Wachsen und Dazu-gehören – Grundmotivationen des Lebens“ (Gerald Hüther).

Die Bearbeitung des aktuellen Konflikts hat oberste Priorität. Das Schaffen kleiner überschaubarer Schritte zur Problembewältigung und Selbstvertrauen geben Hoffnung für die nächsten Zukunft. Gefördert wird in dieser Hinsicht die Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun und Handeln.

 

Auch sind die entsetzlichen Auswirkungen der Suizidtat an die Hinterbliebenen dem Suizidgefährdeten bewusst zu machen, z. B. die Hypothek besonders an nahe Angehörige und FreundInnen – aber auch die negative Vorbildwirkung an andere Menschen in suizidalen Krisen!