Lebe so,
als ob du zum zweiten Male lebtest
und das erste Mal
alles so falsch
gemacht hättest,
wie du es zu machen –
im Begriffe bist!

Viktor E. Frankl




 

 


Die situative Einengung tritt bei Jugendlichen allerdings sehr viel rascher ein. Bei dieser Einengung geht es im Jugendlichenalter auch um eine Aktions- bzw. Symbolsprache, die mehr von der emotionalen als von der intellektuellen Seite geprägt ist. Suizidhandlungen gelten oft als Appell einem „signifikanten Anderen“. Um Suizide zu verhindern, ist es notwendig, die Gleichgültigkeit gegenüber dem, was andere Menschen bewegt, zu überwinden. Ein geplanter Suizid ist meist ambivalent – dem „signifikant Anderen“ nur angedeutet. Diese Andeutungen sind aber essentiell für die Suizidprävention. Der Satz „keiner versteht mich“ in Verbindung mit „denen werde ich es zeigen“ und dem „Tom-Sawyer-Syndrom“, „wenn ich nicht mehr bin, dann werden sie schon sehen, welches Verlusterlebnis sie haben“, sind Ausdruck der Gemütslage präsuizidaler (junger) Menschen. Der Volksmund irrt, wenn er glaubt: „Menschen, die von Suizid sprechen, führen ihn auch nicht aus.“

Raphael, 15 Jahre alt, war ein begeisterter Fussballer, - vor dem Fernseher. Als seine Eltern sich trennten, als sein Weiterkommen im Gymnasium gestoppt war, (Wiederholung der Schulklasse) war für ihn das Erhängen in der neuen Wohnung seines Vaters (er hatte die Familie verlassen) ein klares Zeichen – Angriff.

 

Kain stellte die Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ – in der Psychotherapie ist diese Frage zu bejahen. Erwin Ringel illustriert dies bestens an einem Beispiel: Als er als junger Assistent das Büro der überlasteten Sekretärin betrat, begegnete er einer jungen Ärztin, die gerade eine Krankengeschichte diktierte. Sie blickte Ringel an und bat ihn hinaus zugehen, da sie die Farbe seiner Krawatte nicht aushalte. Zwei Wochen danach hatte sich seine Kollegin das Leben genommen. Jahre später machte Ringel darauf aufmerksam, dass bei Suizidalen kurz vor ihrem gewaltsamen Ende ein „Farbschock“ auftrete.

Dominik, 15 Jahre, hielt die Farben in seinem Klassenzimmer nicht mehr aus (orange), bevor er sich beim Wanderausflug seiner Schulklasse vom Gipfel stürzte. Schwer verletzt konnte er gerettet werden. Zuerst fiel er schon seiner Klassenlehrerin durch Ritzen auf. Engagierte Kontakte mit den Eltern waren wenig fruchtbar. Bis zu diesem Suizidversuch.

Im wiederbelebten Trotz werden von den jungen Menschen sichtbare Zeichen gesetzt, bis hin zu Selbstverletzungen, Selbstverstümmelungen und Suizidversuchen.

Das alarmierendste Anzeichen von Gefährlichkeit tritt zu Tage, wenn es zur Aggressionsumkehr kommt und nach einer Phase der Ruhe vor dem Sturm eine explosionsartige Antwort auf das vermeintliche Unverständnis der Bezugspersonen und der Umwelt folgen kann.

Dann setzt zumeist die suizidale Handlung ein, sei sie para- oder suizidal – dies gilt es zu verhindern. Oft hilft – wie bereits erwähnt – das aktive Zuhören, der notleidende Jugendliche ist dann nicht mehr „mutterseelenallein“. Suizidale Krisen im Jugendlichenalter haben häufig unbewusste Konflikte als Auslöser.

 

Theresa, 17, wollte gemeinsam mit ihrem Freund Kevin, 17, einen Doppelsuizid begehen, beide überlebten. Zum Glück sind gemeinsame Selbstmorde seltene Phänomene, auf etwa ein tausend Selbstmorde kommen etwa 14 Doppelsuizide. Manche gingen in die Geschichte ein: Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera. Aber auch Stefan Zweig mit seiner zweiten, jungen Frau Lotte, im brasilianischen Exil – Stefan Zweig beschäftigte sich schon davor ausführlich in seinen Werken mit dem Suizid, viele seiner Hauptfiguren erwägen ihn als Problemlösung.

Theresa, die in einer symbiotischen Beziehung zu Kevin stand, stimmte dem gemeinsamen Tod zu, da sie von den Eltern von Kevin nicht als die „richtige“ Freundin akzeptiert werden konnte (aus zu armem Hause). Der gemeinsame Tod sollte sie vor der Zerstörung durch das Elternhaus von Kevin bewahren – und beide könnten sich mit dem gemeinsamen Sterben die unendliche Liebe „beweisen“.