Jeder, der dich ärgert,
besiegt dich.

Charles Klein


 

 


Psychotherapie der Depression mit Suizidalität im Kindes- und Jugendalter

Wer eine Krise durchschaut, unterscheidet.

Wer unterscheidet, erwirbt die Voraussetzung, zu entscheiden.

Wer entscheidet, löst Krisen, indem er Stellung bezieht.“

(Dieter Lotz)

 

Ob bewusst oder unbewusst, fragt jeder Mensch nach Sinn. Die Wertevermittlung beginnt im Erlebnisbereich.

 

Warnzeichen für ein Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen

(nach Kerns 1997)

  • Verhaltensänderungen ( ein geselliges Kind zieht sich zurück)

  • Vernachlässigung des eigenen Aussehens

  • Sozialer Rückzug, Isolation

  • Verschenken von persönlichen Wertgegenständen

  • Starke Beschäftigung mit dem Thema Tod

  • Offene oder verhüllte Suizidabsichten

  • Vorangegangene Suizidversuche

  • Gedankliche Auseinandersetzung mit Suizidmethoden

  • Übermässiger Konsum von Alkohol und Drogen

  • Schulversagen

  • Plötzlich gehobene Stimmung

  • Häufige Unfälle

  • Davonlaufen, Ausreissen

 

In der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern vor und nach dem zwölften Lebensjahr gibt es grundsätzliche Unterschiede:

 

Kinder unter 12 Jahren

Im Vordergrund steht die kognitive Unreife und Impulsivität. Suizidgedanken gehen mit Wahrnehmungen von Gefühlen der Ausweglosigkeit und Schuld einher, die Kinder zeigen ein Bild von Aggressivität und leichter Irritierbarkeit. Familiäre und schulische Konflikte sind dabei der grösste Risikofaktor, etwa disziplinäre Probleme und Mobbing in der Schule oder Auseinandersetzungen innerhalb der Peergroup.

 

Eine Hospitalisation ist bei Suizidalität immer dann angezeigt, wenn das Kind aus der konflikthaften Situation herausgenommen werden muss. Suizide sind in Österreich bei Kindern unter 14 Jahren sehr selten, (0,3/100.000) – ähnliche Daten in der Schweiz. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (15 bis 24 Jahre) beträgt die Suizidalität insgesamt 13,0/100.000. Mädchen wollen sich drei Mal so oft das Leben nehmen wie Jungen. Demgegenüber führt der Suizidversuch bei den Jungen drei Mal häufiger zum Tod als bei den Mädchen. Männliche Jungendliche greifen zu „härteren“ Mitteln, wie z.B. Tod durch Erhängen, Erschiessen oder sich vor den Zug werfen. Sie wollen den Suizid „durchziehen“, reine Versuche sind seltener zu finden. Suizidversuche von Mädchen und Frauen hingegen zeigen oft einen deutlichen Appellcharakter und sollen nicht zwangsläufig zum Tod führen (Parasuizid).

 

Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

(Ödön von Horvath)

 

Die 16jährige Josephina hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, aber noch rechtzeitig die Eltern angerufen. Sie litt an zahlreichen körperlichen Beschwerden. Sie hatte Ängste und starke Kontrollbedürfnisse. Sie hatte „alles“ und konnte doch nicht froh sein. Massive Schuldgefühle machten sich breit, „da andere weniger hatten“. Auf dem Bauernhof nebenan fühlte sie sich am wohlsten, nur dies wurde von ihren Eltern nicht gerne gesehen, denn dann „stank sie nach Stall“ – und sie sollte besser ihre vierte Fremdsprache üben, Russisch ist für die Osterweiterung wichtig, dies wusste ihr erfolgreicher Vater - bis zum Selbstmordversuch von Josephina. Er verstand den Appell seiner Tochter, war tief erschüttert. Als der Nachbarbauernhof ukrainische Flüchtlinge aufnahm, verbesserten sich die Russisch-Kenntnisse von Josephina schlagartig – sie bestand darauf, dass die junge Familie mit ihr ausschliesslich Russisch sprach, sie mit ihnen als Revanche Deutsch. Die Spontanheilung - keine Überraschung! Enthusiastisches Interesse, Begeisterung, beschwingte Stimmung erzeugt in der Arbeit nebenbei Freude und hauptsächlich geistige Gewandtheit, Flexibilität, Kreativität. Mit einer grösseren Leichtigkeit erreichen wir ein Maximum an Effizienz, Geschwindigkeit, wir leben unsere Aufgaben als Herausforderungen, werden ihnen gerecht. Ein Quentchen Druck (Lampenfieber) erhöht die Konzentration und die Motivation.

 

In stark belasteten Situationen haben Menschen drei Möglichkeiten zu reagieren: Angriff, Flucht, Erstarrung. Der Auslöser für einen Suizid wird klar von dem Grund für diese Entscheidung unterschieden. Wenn ein Scheitern in der Schule, im Beruf, in der Liebesbeziehung der Auslöser ist, die Fantasie des Selbstmordes in die Tat umzusetzen, so liegt der Grund tiefer und ist gekoppelt an die Lebensgeschichte des jungen Menschen und deckt z. B. seine Abhängigkeit, seine pyramidale Wertanordnung (ein Leitwert wird zum Leidwert) auf, seine Minderwertigkeitsgefühle.

Auch sind Kulturunterschiede nicht zu übersehen. Auch zwischen Nordamerika und Europa. Ich habe seit Jahren immer wieder junge amerikanische, kanadische Frauen, die im Austauschprogramm in Europa von jungen Männern vergewaltigt werden. Zum Glück gibt es die alte Studie, die Paul Watzlawick veröffentlichte, dass das Paarungsverhalten zwischen Nordamerika und Europa unterschiedlich, daher missverständlich, verläuft. In beiden Kulturen gibt es etwa 30 Stufen bis zum intimen, metaphysischen Zusammensein. Nur: Küssen kommt in Nordamerika auf Stufe 5 und in Europa auf Stufe 25!

Anne, 17 Jahre alt, Austauschschülerin aus Los Angeles, hatte nach intensivem Küssen ihren Nachbar, 23, in seine Wohnung begleitet. Ihr wildes Wehren fand der attraktive Schilehrer sehr „rassig“ – er verstand auch ihre klaren Zeichen nicht. Anne erlebte es als Vergewaltigung. Es war ihr erster Mann. Sie war zu diesem letzten Schritt innerlich noch nicht bereit.