Lebe so,
als ob du zum zweiten Male lebtest
und das erste Mal
alles so falsch
gemacht hättest,
wie du es zu machen –
im Begriffe bist!

Viktor E. Frankl




 

 



Logotherapeutische Gruppentherapie im ambulanten Setting

Mag. Dagmar Edith Mehsner MSc
Psychotherapeutin (Logotherapie und Existenzanalyse)
Klinische und Gesundheitspsychologin
Dipl. Pädagogin

Kurzbeschreibung des Grund-Konzeptes

Die abwechselnd gewählte männliche bzw. weibliche Form steht jeweils pars pro toto, wechselt je nach Kontext und stellt keine Bewertung des jeweiligen anderen Geschlechts dar.

Das Pilot-Projekt „Ambulante Schiene“ ist im Juni 2015 gestartet und meines Wissens einzigartig in Österreich. Sie ist Teil der integrierten psychologischen Versorgung (IPV) eines Krankenhauses im Zentralraum Kärnten und für Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen gedacht, welche stabil genug sind nicht stationär aufgenommen werden zu müssen. Die freiwillige Behandlung dauert 12 bis 14 Wochen und findet an zwei Nachmittagen in der Woche statt. Ein Nachmittag ist für psycho - edukative Wissensvermittlung durch eine Fachärztin für Psychiatrie oder einer Klinischen Psychologin sowie 14tägig einer darauffolgenden Fachärztlichen Visite für die Teilnehmer konzipiert. Das kognitive Lernen bezieht sich hier auf das Krankheitsverständnis und Verständnis für psychologisches Denken.

Am zweiten Nachmittag werden den Klienten eine psychologotherapeutische Gruppe sowie eine Resilienz - Gruppe zur Stabilisierung angeboten, ferner ein psychotherapeutisches Einzelgespräch im Laufe der Woche. Zusätzlich finden an beiden Nachmittagen alternierend ein Entspannungs-Training nach Jacobson und Übungen zur Körperwahrnehmung statt.

Zu jedem Gruppenmodul gibt es Übungen, die die Klienten im Schutz der Gruppe probieren und dann im Alltag angepasst erproben können.

Notwendige Sozialarbeiter-Stunden sowie Ernährungsberatung werden je nach Bedarf angeboten.

Setting

Nach dem klinischen Aufnahme-Verfahren wird die Teilnahme am ambulanten Therapie-Setting denjenigen Patientinnen und Patienten aus dem psychosomatischen Formenkreis unterbreitet, wo angenommen werden darf dass sie von ressourcenbezogenen Interventionen und dem psychologotherapeutischem Konzept besonders profitieren. Damit finden sich in der Gruppe Menschen mit komplexen Störungsbildern: Angststörungen, Anpassungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen sowie Menschen mit depressiven und somatoformen Störungsbildern, aber auch Patienten mit posttraumatischem Hintergrund. Ausschlusskriterien sind schwere Depressionen, große kognitive Schwäche und Hinweise auf Suizidalität. Die Diagnostik wird nach den ICD-10 und DSM-V -Kriterien durchgeführt.

 Die koedukativ geführten Einheiten werden als geschlossene Gruppen mit einer Zeitspanne von 12-14 Wochen geführt, nach den ersten drei Sitzungen werden keine Klienten mehr aufgenommen. Das Setting mit einer geschlossenen Gruppe hat sich bewährt, da es von Anfang an das Wir-Gefühl, d.h. die Kohäsionskraft der Gruppe stärkt und die Gruppenleiterinnen eher auf die Bedürfnisse der Gruppenteilnehmer eingehen können.

 Die Teilnehmerzahl wurde auf acht Menschen begrenzt und die übliche Zeitdauer von zweimal 60 Minuten für eine Gruppensitzung wird eingehalten. Geleitet werden die Gruppen von einer Klinischen und Gesundheitspsychologin mit psychologo-therapeutischer Ausbildung und einem Co-Therapeuten. Zu Beginn der Behandlung erhalten alle Teilnehmer den Stundenplan, Hinweise zum Ablauf und ein Blatt mit Regeln für die Gruppensitzungen. Daneben erhalten alle Klienten nach jeder Sitzung eine schriftliche Zusammenfassung des jeweiligen Themas und der Übungen.

Wichtige und hilfreiche Aspekte im ambulanten Gruppenpsychologotherapiesetting

  • Die Gruppe hat Arbeitscharakter, das heißt die Patienten werden angeregt, etwas Neues zu lernen. Arbeiten im Hier und Jetzt wird gemeinsam gestaltet, Sinnorientierung wird angeboten. Damit erleben Menschen die oft neue Erfahrung, gegen schwierige innere Zustände etwas machen zu können und ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein.

  • Die Übungen zu den jeweiligen Gruppenthemen können in der Gruppe erprobt - sowie im Alltag angewendet und entsprechend angepasst werden. Die Therapie hat dadurch einen guten Bezug zur Lebensrealität der Klienten.

  • Durch Einzelpsychologotherapie werden die übenden Anteile entlastet, es gibt die verbindliche Regel, die Schilderung traumatischer Erlebnisse in der Gruppe zu unterlassen, um die Gruppenmitglieder nicht zu belasten.

  • Die Klienten können sich selbst im Kontakt mit anderen Gruppenmitgliedern als Zuhörer oder aktiver Teilnehmer erfahren, somit werden soziale Vermeidungsstrategien gemildert. Durch den Erfahrungsaustausch mit den anderen erhält der Klient Anregungen. Andere können positive Modelle sein und zu eigener Aktivität motivieren.

  • Im gemeinsamen Austausch können die Menschen erfahren, dass sie nicht nur nehmen sondern auch etwas geben können. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Selbsttranszendenz kann so verbessert werden.

  • Die Menschen machen in der Gruppe die wichtige Erfahrung von geteiltem Leid und Solidarität: Ich bin nicht die oder der einzige mit einem Problem. So kann gelernt werden, mit Grenzen zu leben, sowie das noch Verbliebene anerkennen und auszuschöpfen.

  • Die Auseinandersetzung mit existentiellen Fragestellungen in der Gruppe kann zur Dereflexion und neuer Sichtweise auf die eigene Problematik führen.

  • Gemeinsames Lachen und Humor führen zu Spannungsabbau und Selbstdistanzierung.

  • Durch Werteverwirklichung in der Gruppe kann die individuelle Sinnerfüllung angeregt werden.

  Worauf zielt das Konzept der ambulanten Gruppenlogotherapie?

  • Gesundheitsbezogene Veränderung und Förderung der Therapie-Motivation

  • Wachsendes Selbstverständnis und Einsicht

  • Stimulieren von aktiver Eigenverantwortung und Sinn-Orientierung

  • Stimulieren von Bewältigungs- und Lebensgestaltungspotentialen

Evaluierungsbericht 01.06.2015 – 31.05.2016

Aus dem Evaluierungsbericht (Renner, 2016) geht hervor, dass sich die störungsspezifische Symptomatik bei den Gruppenteilnehmern (N= 32, davon 23 Frauen) signifikant verringert hat und nach der ambulanten Behandlung im unauffälligen Bereich war.

Aus Abbildung 1 ist ersichtlich, dass die Normwerte auf allen störungsspezifischen Skalen des BSI vor der Gruppenteilnahme durchwegs über T = 60 lagen, während nach Abschluss der ambulanten Gruppe alle störungsspezifischen Normwerte im unauffälligen Bereich waren.

 Besonders aussagekräftig sind die Mittelwerte des Global Severity Index (GSI). Er lag vor der Teilnahme an der Intervention mit T = 73,8 (s = 8,2, Range 46,0 bis 80,0) im eindeutig klinisch auffälligen Bereich. Nach Abschluss der Gruppenteilnahme lag der Mittelwert des GSI bei T = 58,0 (s = 13,1, Range 33 bis 80) und somit im unauffälligen Bereich. (Renner, 2016, S. 9)

 

 Abbildung 1: Veränderung der T-Normwerte in Variante 1 (Ambulante Gruppe)

a.) Renner schreibt in der Schlussfolgerung des Berichtes, dass die ambulante Gruppenbehandlung eine stationäre Behandlung „...unabhängig von der Schwere der klinischen Symptomatik...wirkungsvoll ersetzen" kann (S. 4)
b.) Außerdem wird im Bericht aufgrund der empirischen Befunde empfohlen „...ambulante (Gruppen) - Angebote vermehrt anzubieten und auszubauen..." (S. 12)

Aufgrund meiner praktischen Erfahrungen als Gruppenleitung der ambulanten Behandlung im Zeitraum des Berichtes haben sich dazu folgende Empfehlungen ergeben:

Ad a.)
Im Zeitraum des Evaluierungsberichtes kam es mehrmals zu Abbrüchen der ambulanten Behandlung bei Patienten mit schweren Depressionen (ICD 10 – Kriterien: F 33.2, F 33.3). Für diese Patienten bietet sich nach meiner Erfahrung zur Stabilisierung ein stationärer Aufenthalt an, da sie von der ambulanten Behandlung aufgrund der Symptomatik anfangs noch nicht profitieren können. Außerdem ist die ambulante Behandlung an zwei Nachmittagen in der Woche bei Menschen mit primärer Suchterkrankung oder großer kognitiver Schwäche zu niederschwellig. Daher ergeben sich nach meinen Erfahrungen folgende Kriterien für die ambulante Behandlung:
Ausschlusskriterien: Schwere Depressionen, primäre/ akute Suchterkrankung, große kognitive Schwäche und Hinweise auf Suizidalität

Ad b.)
Der Bedarf an ambulanten Psychotherapie-Gruppen zeigte sich durch viele Anfragen von Klienten sowie von Psychiatern in freier Praxis und Allgemeinmedizinerinnen. Außerdem empfanden einige der Klienten die 12-14 wöchige Behandlungsdauer in der geschlossenen Gruppe für zu kurz oder waren noch nicht stabil. Daher empfiehlt es sich eine zweite, offene ambulante Psychologotherapiegruppe im Anschluss anzubieten.

Grundlegend ist es die logotherapeutische Haltung, mit der die Gruppen von der Autorin geleitet wurden.
Insgesamt ergibt sich somit aus den ermutigenden Ergebnissen und den positiven Rückmeldungen der teilnehmenden Patienten die Schlussfolgerung, vermehrt ambulante Gruppenpsychologotherapie für Menschen mit psychosomatischen Symptomen anzubieten. Auch zeigt der Evaluierungsbericht (Renner, 2016) dass die ambulante Behandlung in hohem Maße wirksam ist und dazu beiträgt, stationäre Aufenthalte zu reduzieren. Somit könnte auch das finanzielle Ausgabenvolumen im Gesundheitsbereich gesenkt werden.
Es besteht die Notwendigkeit weiterführender Untersuchungen mit einer größeren Gesamtstichprobe unter Einbeziehung einer Kontrollgruppe sowie einer Katamnese-Erhebung.