Ein Leben, das sich verströmt, versiegt nie ganz.

Elisabeth Lukas




 

 



 VPA – Narzissmus-Tagung, Wien, 4. Mai 2019, 16.00 – 17.30 Uhr


Die tiefgreifende Leere und große innere Einsamkeit wird von narzisstischen Menscheverkleidet gelebt. In einem maßlosen, übermächtigen Bedürfnis nach Bewunderung.
Problematische, oft jahrzehntelang trainierte Lebensmuster übernehmen die Regie übedie Gestaltung des Lebens. In diesem Mangelbewusstsein ist die Fülle des Lebens nichzu finden, die Gier nach mehr übernimmt das Ruder. Wie kann doch ein Ausstieg aus
diesem gelebten Vakuum gelingen? „Narzissmus, die Verleugnung des wahren Selbst.
(Alexander Lowen)


MENSCHENBILD – WELTBILD – SELBSTBILD
MACHT DER INNEREN BILDER
im Laufe unseres Lebens aneignen oder auch von unseren Vorfahren übernehmen.
Unser Bild von der Welt und von den Menschen beeinflusst unsere Ansichten und
Einstellungen, unser Denken, Fühlen und Handeln.
(K)EINE QUELLE TIEF IN MIR IST?
In diesem Mangelbewusstsein ist die Fülle des Lebens nicht zu finden, die Gier nach
mehr übernimmt das Ruder.


Wie kann doch ein Ausstieg aus diesem gelebten Vakuum gelingen?


Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und seine Tragödie, dass die
meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. (Erich Fromm)


Störungsbild im Narzissmus:
Problematik der Selbstfindung der Person

 

  • Wie kann die eigene Identität gefunden werden?
  • Spürbewusstsein zum inneren tiefen Grund, der Tiefenperson – und
  • dieses „Das-bin-Ich“ muss nach außen behauptet werden.


Es braucht: Dazu-gehören-Können, Verbundensein mit der Gemeinschaft, ohne sich
symbiotisch in ihr zu verlieren und die klare Abgrenzung – was gehört zu meinen
Bedürfnissen und Werten, was wurde über Gehorsamsein gelernt,...


Fallgeschichte Frau A: „Ich genüge nicht!“
Narzisstische Kompensation:
Lernt in der Kindheit das Prinzip der Teilhabe nicht kennen,
keine Grundlage des Vertrautseins mit anderen Menschen


Wiederholtes Verloren-Sein:

  •  Schmerz dieser tiefen Einsamkeit,
  •  Innerlich-ausgetrocknet-Sein,
  •  Ich-Verlustes,
  •  Sich-Auflösen
  •  Überwindung durch Kompensation mit Objekten,
  •  da die eigene Person es nicht wert ist, ernst genommen zu werden, nicht zählt.


Existenzielle Vakuum (Frankl)
Sinverluststörung

  •  1946 erstmalig von Frankl beschrieben, 1955 ermalig als solches benannt
  •  Frustration des Willens zum Sinn
  •  Verweigerung dem Leben gegenüber,
  •  da es keine sinnnvolle lebensthematische Mitte gibt.
  •  Gelebter Nihilismus
  •  Gefühl innerer Leere, Gefühl abgründiger Sinnlosigkeit
  •  Ursachen: doppelter Verlust – Verlust der Instinktsicherheit und Verlust der
  • Geborgenheit in Traditionen
  • Reduktionismus mit der Versachlichung der Person und dem Entpersönlichen
  • des Menschen erzeugt das existenzielle Vakuum
  • Dadurch öffnet sich das Leben für sog. Vakatwucherungen
  • Überkompensation in Ersatzspannungen.
  • Muss nicht manifest werden, kann auch latent bleiben
  • Hoher Energieaufwand, um die entstandene Sinnleere,
  • die Persönlichkeitsentwertung zu kompensieren.
  • Masken des existenziellen Vakuums: „Wille zum Geld“, „Wille zur Macht“
  • verdrängt dann den „Willen zum Sinn“
  • Der Mensch ist auf der Flucht vor sich selbst.
  • Enttäuschung des Menschen hinsichtlich seines Ringens um einen Daseinssinn


Verneinung des Lebens

  •  Seinsfaulheit ist die Möglichkeit eines Menschen,
  •  über Jahre hin von warmen Zielen zu träumen und
  •  den Zug des Lebens immer wieder –
  •  schicksalhaft nicht notwendig – abfahren zu lassen.

(Uwe Böschemeyer)


Thema des Narzissmus – Spiegel der Gesellschaft:
entfaltet seine Wirkung nicht nur im persönlichen Erleben,
sondern vor allem im Wechselspiel mit anderen Menschen.
Habe ich eine Daseinsberechtigung?
Werde ich angenommen, so wie ich bin?
Das Thema des Narzissmus ist Thema jeder Kultur und Gemeinschaft.


Arno Gruen: Dem Leben entfremdet. Leben in einer Scheinwelt ohne Mitgefühl.
In dieser Welt der Abstraktionen dominiert, wer andere unterwirft oder vernichtet.
Ein Leben ohne Mitgefühl ist auf Feinde angewiesen.
Narzissmus: Empathie-Unwilligkeit,
keine Empathie-Unfähigkeit


Die Gefühle sind so gefährlich, dass sie ausgeschalten werden.
Größte Angst des Narzissten/der Narzisstin: Verlust der Objekte, die sein leeres/ihr
leeres Ich füllen.


Einstellungen lassen sich ändern, nicht durch Überzeugungs-arbeit und Appelle.
Schlüssel zum Verstehen und Ändern unseres Verhaltens:
zugrunde liegenden Einstellungen, Erwartungen und Haltungen.


Selbst-Werdung – Bedeutung der Kindheit:

  •  Eine eigene Substanz entwickelt sich nur, wenn ein Kind bereits als Säugling

Schmerz, Leid, Not – also die eigenen empathischen Reaktionen – mit den Elterteilen kann.


Mitfühlendes Teilen

  •  Nur so entwickelt sich eine innere Kraft, die trotz Unsicherheit, die ein Kind umgibt, Stärke vermittelt, weil Verletzlichkeit dann keineswegs Schwäche, sondern mitfühlendes Teilen mit den Eltern bedeutet.

Selbst-Werdung

 - Ein großes lebenslanges Thema
 - Es handelt sich darum, alles zu leben.
   Wenn man die Frage lebt, lebt man vielleicht, allmählich
   ohne es zu merken eines fremden Tages in die Antwort hinein.

R.M. Rilke


Die Gemeinschaft hat Normen, erlaubt mit offenen und subtilen Gesetzen


Empathische Wahrnehmungen wirken unmittelbar und sind unbeeinflusst von
gesellschaftlichen Erwartungen. Sie sind realitätstreu.
Kognitive Wahrnehmungen hingegen kommen nie ohne Verzerrungen zustande, da sauf Erwartungen der Menschen verweisen, und nicht auf die Bedürfnisse, Werte der
Person zurückgehen.


Unser Gehorsam, eine Folge der Identifikation mit dem Aggressor und Unterdrücker,
bringt Menschen immer wieder dazu, trotz Rebellion, weiter nach einer grandiosen,
verführerischen Autorität zu suchen.


ZUKUNFTSVISION
Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir dem Anderen helfen ...
Die Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies sind Liebe und Mitgefühl, unsere
Fähigkeit anderen beizustehen und ihren Schmerz zu teilen ...
Leid zu verstehen ...
Bedeutet wirkliche Empathie zu verstehen ...
Das Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebewesen kann nur erreicht werden, wenn wir
erkennen, dass wir alle vereint und voneinander abhängig sind.
(Dalai Lama)


Abgrenzung zur Gemeinschaft erforderlich
SELBSTWERDUNG
- Spannung
- zwischen Abgrenzung und Offensein,
- zwischen Angewiesenheit und
- gegenseitiger Behinderung.
- Werde ich so angenommen, wie ich bin?


Personsein, „personare“ – durchtönt sein (Frankl)
- das Freie im Menschen
- zentrale Position im Menschsein
Die Person als die Mitte oder als der tiefste Grund des Selbst.


Längle: Dieses „Wer bin ich? – Was ist an mir wertvoll?“ wird zum Leiden, weil die
Antwort nicht gefunden wird.
Vergebliches Kreisens um ein leeres, nicht fassbares Ich.
Deshalb wirkt das narzisstische Verhalten so egoistisch.
- Diese Wunde gibt keine Ruhe.
- Der Mensch kann ohne inneren Grund nicht zum Frieden kommen.


Im Narzissmus findet der Mensch den Ort nicht,
wo es „Ich“ in ihm sagt, wo es aus ihm „Ich“ sagt. (Längle)


FEHLENDE AUTHENTIZITÄT
Verlust des Gefühls für die persönliche Einmaligkeit und Einzigartigkeit.


Verlorensein im tiefsten Inneren
Eigene Werthaftigkeit wird nicht gespürt.
nach außen demonstrierte Ich-Stärke, z.B. Arroganz, Entwertung
mangelhafte Entwicklung der eigenen Identität


narzisstische Gegenreaktionen:
Distanz, Überkompensation Totstellreflex, Aggressionen, Neidreaktionen
Schmerz der nichtgefundenen Einzigartigkeit der Person, Tiefe innere Einsamkeit


Krise unseres Menschenbilds: Existenzielle Verwahrlosung, Existenzielles Vakuum
(Frankl)
zunehmend um sich greifendes Lebensgefühl der Lebensskepsis, Unverbindlichkeit,
Resignation und Verunsicherung, vor allem in den reichen Industrienationen.


Versperrt Zugang zu empathischen Wahrnehmungen


Pathologie des Zeitgeistes (Frankl)
- Lebensgefühl der Unverbindlichkeit ist der Boden, auf dem sich weitere
Haltlosigkeit und mangelnde Orientierung ausbreiten können.
- Wo soll Halt und Orientierung gefunden werden – oder gar anderen angeboten
werden – wenn Unverbindlichkeit den Blick auf die Vielfalt und Wirklichkeit des Lebens verschleiert?


Mangelerscheinungen
Mangel an Begeisterungsfähigkeit, Ansprechbarkeit,
Mangel an Bereitschaft, Eigen- und Mitverantwortung, kein Interesse,
sich gestaltend ins Leben einzubringen


Die Fixierung nur auf das eigene Wohlbefinden trennt uns vom bunten Leben.


GEMEINSAMES AUFSUCHEN VON ENTWICKLUNGSPOTENZIALEN
EXISTENZIELLE FRAGEN:
- Was macht mein Leben derzeit aus?
- Wofür ist es höchste Zeit?
- Suche nach der eigenen Authentizität


DIMENSIONALONTOLOGIE (Frankl) - Vernichtungsangst der narzisstischen PersonKÖRPER:
erhöhte Herzfrequenz, Muskelzittern, Schweißausbrüche,...
PSYCHE:
Vernichtungsangst– Bewältigungsstrategie: empfindsame Selbst zu retten, zunehmendsoziale Isolierung
GEIST:
Ich bin mehr als ... - mein mangelnder Selbstwert, meine Angst, meine Leere!!
In jedem Menschen lebt ein ursprüngliches Bild seiner selbst, das darauf wartet gelebt
zu werden.
Zu alten Verletzungen kann Stellung bezogen werden.
„Unter“ der Angst zeigen sich freie Räume.
Suchen nach den starken Symbolen des Geliebt- und Angenommenseins im Jetzt.
Was ist unzerstörbar? Das Hauptsächliche, das Wesentliche, Wichtige suchen.


WIE KANN ES GELINGEN, DEN NEGATIVEN TEUFELSKREIS ZU
DURCHBRECHEN?
Psychischer Grundkonflikt: Loyalität versus Individuation


AUSHALTEN = NICHT WEICHEN
Das Leid „halten“, tragen.


IM ANGENOMMENSEIN – IM GESPRÄCH, IN DER BEZIEHUNG, IN DER ARBEIT,
IM GLAUBEN,...- KANN EIN GRUNDLEGENDES AUFGEHOBENSEIN ERLEBT
WERDEN.


Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.


Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.


Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.


Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt.
Hilde Domin


VERTRAUEN IN DEN UREIGENEN WEG
= die Fähigkeit, mir selbst vertraut zu sein,
WAS ICH BIN, an Fähigkeiten habe, kann und werden könnte.
= das tiefgreifende Gefühl eines Menschen, aufgrund seiner
UNVERWECHSELBARKEIT
Daseinsrecht in dieser Welt zu haben und mit allen anderen
gleichberechtigt zu sein. (Uwe Böschemeyer)
Du bist wertvoll!!! Das Leben hat dich gewollt!


Auf-Bruch, alte Lebensform wurde zerbrochen,
Mut und Kraft nötig,
„WÜSTE“,
idealer Ort, Überflüssiges abzuwerfen, darüber nachzudenken, was Leben letztlich
lohnt
(Wolfram Kurz)


Emotionale Abdrücke, die die Gegenwart noch belasten.
Alten Verletzungen nochmals begegnen.
Aus zeitlichem Abstand heraus Stellung beziehen.


WAS ERWARTET DAS LEBEN VON MIR?
Kopernikanische Wende
Ein Orchester, das auf unseren Einsatz wartet, ...


oder jene noch ungeschriebenen Kapitel unseres Lebensbuches, ...


Schicksalsschläge sind Wegweiser. Sie markieren unübersehbar. Unüberhörbar.


Befreiung aus der egoistischen Abgeklärtheit:
Mit Hilfe des Spürbewusstseins, die Sicht auf die Welt neu durchleuchten


Schlüssel zum Menschen:
- das Bild, das er sich von sich,
- von anderen Menschen
- und der Welt macht.


EXISTENZIELLE BILANZ
NICHT: Was hat das Leben, die Kindheit mir alles NICHT gegeben?
SONDERN:
WER BIN ICH DURCH MEINE LEBENSGESCHICHTE GEWORDEN?


Was ist noch ungelebt in mir?
Erinnerung an das, was noch zu tun ist!
Welche Spur willst du eingraben in diese Welt?
Welche Farbe, welchen Klang von mir möchte ich der Welt schenken?
ureigene, persönliche Weg
Es ist ein Weg, der entsteht indem die Person ihn geht.
Der ureigene, persönliche Weg führt zur Entwicklung der Persönlichkeit, die ihr
einzigartiges Ziel ahnt und ihre eigene Richtung selbst bestimmt.


Da-sein – nachfragen - mitempfinden – mitgehen


Viktor E. Frankl:
EINZIGARTIG – ABSOLUTES NOVUM.
In dieser Weise nur einmal im Universum.
Aufgabe, dieses „Neue“, „Einzigartige“ in diese Welt bringen.


Ich bin „ich“ nur in dem Maße, als ich lebendig, interessiert und tätig bin und
mit anderen in Beziehung stehe.


Lieben ist Erkennen;
Wir sind nur fähig, andere Menschen zu verstehen, zu lieben,
wenn wir auch fähig sind, uns selbst zu erkennen und uns in unserer Unperfektheit
annehmen.
EINSSEIN MIT SICH UND DEM JE WESENTLICHEN
Dereflexion ist die Gegenbewegung zur übermäßigen Drehung um sich selbst.


Sag mir, was dich wach macht, und ich sage dir, wer du bist.
(Erich Fromm)
ANTWORTEN AUSSERHALB VON SICH SELBST SUCHEN UND FINDEN
Von Verzweiflung werden wir GEPACKT,
nach Sinn müssen wir SUCHEN. Von Wut werden wir ÜBERFALLEN,
um Versöhnung müssen wir RINGEN. Hass ERGREIFT uns,
Liebe müssen wir wertsichtig LEBEN,
Melancholie SCHLEICHT sich in uns ein,
für Gründe der Freude müssen wir uns ÖFFNEN.
Zwänge ZINGELN uns ein;
nach Freiheit müssen wir uns AUSSTRECKEN,
Krankheit kommt von SELBST,
Gesundheit müssen wir WOLLEN.
Wollen kommt nicht von selbst.
Gründe für das, was wir wollen, müssen wir suchen.
(nach Böschemeyer)